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Leseprobe Die Regenbogenbrücke - Gigi

Karin Jörger-Egger

Leseprobe aus:
Die Regenbogenbrücke

Gigi

 

 

Mürrisch kickte Gigi Steiner einen Ast ins Gebüsch. Sie hasste diese Sonntagsspaziergänge mit ihren Eltern. Sie war zwölf Jahre alt und, wie sie fand, alt genug, um selber entscheiden zu dürfen, wie sie ihre Sonntagnachmittage verbringen wollte. Doch ihre Eltern schleppten sie stets mit. Immer diese Latscherei, und dann diese Hitze! Sie strich sich ihre schweiss-nassen, dunklen Locken aus dem Gesicht. Bestimmt vergnügten sich alle ihre Freundinnen im Schwimmbad.
Einmal hatte Gigi ihren Eltern den Vorschlag gemacht, statt auf den obligaten Spaziergang ins Schwimmbad zu gehen. Doch die Eltern hatten auf stur geschaltet. Sie mochten keine überfüllten Bäder. Ausserdem sei es ja im Wald schön kühl. Von wegen schön kühl!
Ein Stein kam Gigi vor die Schuhspitze und ärgerlich kickte sie auch diesen weg.
Es war so gemein! Ihr älterer Bruder musste nie auf diese Latschtouren mitkommen.
„Wartet nur!“, dachte sie. „Wenn ich erst fünfzehn bin…“
„Gabriela, renn doch nicht so!“ Auch das noch! Gabriela! Sie hasste ihren vollständigen Namen. Wie hatten ihr das ihre Eltern nur antun können, sie mit diesem altmodischen Namen zu strafen! Heute gab es doch so coole Namen wie Julia oder Jennifer oder noch besser Vanessa. Aber Gabriela…?
Mit einem Seufzer drehte sie sich um. Weiter unten am Weg standen ihre Eltern und begutachteten wieder einmal einen Baum.
An keinem Grünzeug – sei es nun ein Baum, eine Blume, ein Grashalm oder irgend sonst ein Unkraut – konnten die beiden vorbeigehen, ohne ganz sicher zu sein, um welches es sich handelte. Dabei nannten sie nicht nur den deutschen Namen, sondern auch die lateinische Bezeichnung wurde aufgesagt. Als ob davon die Natur schöner würde!
„Komm Gigi!“ Ihre Mutter winkte. „Sieh dir einmal diese riesige Eiche an. Die ist sicher an die zweihundert Jahre alt.“
„Wenn wir zu dritt um den Stamm dieser Quercus robur stehen, können wir ihn vielleicht umfassen“, rief ihr Vater. Er ging um den Stamm herum und zählte dabei die Schritte, die er dafür brauchte.
Gigi hatte keine Lust, sich an einen Baum zu quetschen und die Eltern an den ausgestreckten Händen zu halten. Ausserdem war der Wald voller Bäume. Sie wollte nicht zurückgehen, um einen Baum anzuschauen, den sie auch hier in fast derselben Ausführung begutachten konnte. Sie schüttelte den Kopf und machte sich wieder auf den Weg, wobei sie über eine Wurzel stolperte und hinfiel. Im Zorn hob sie beim Aufrappeln einen Tannzapfen vom Boden auf und schleuderte ihn fort.
„Aua!“, rief eine erschrockene Stimme aus dem Dickicht. „Siehst du nicht, dass ich hier stehe?“
„Dann geh doch zur Seite!“, blaffte Gigi und trottete ohne sich umzusehen weiter.
„Das ist gar nicht so einfach“, erwiderte die Stimme. „Ich weiss ja nicht, in welche Richtung du das nächste Mal schiesst.“
„Dann bleib da stehen. Mir auch egal“, brummte Gigi.
„Warum bist du denn so wütend?“, fragte die Stimme, die ihr offenbar folgte.
„Weil ich es eben bin, darum!“
„Wut ist für gar nichts gut! Damit bringst du nur eine schlechte Stimmung in den Wald.“
„Was kann hier schon in schlechte Stimmung geraten? Bäume vielleicht?“ Gigi blieb stehen und dachte einen Moment nach. „Wenn ich es mir recht überlege, wäre ein wütender Baum eine willkommene Abwechslung in diesem grünen Einerlei. Da würde doch endlich einmal etwas laufen!“
„Oh, sag nicht Einerlei zu dem Wald. Hier gibt es viele interessante Bewohner“, sagte die Stimme aus dem Dickicht am Wegrand.
„Mir doch egal!“ Doch Gigis Wut verrauchte langsam. Das Gespräch fing ihr an zu gefallen, obwohl sie ihren Gesprächspartner gar nicht sah. „Wer bist du überhaupt und warum zeigst du dich nicht?“
„Warum siehst du nicht hin?“
„Ich seh doch hin. Wo steckst du denn?“
„Hier!“
Gigi schaute genauer hin. Etwa auf Wadenhöhe entdeckte sie schliesslich zwei weise Augen in einem verwitterten Gesicht, das umrahmt wurde von einem Kopftuch, unter dem zu beiden Seiten graue Haare hervorguckten. Der kleine Körper steckte in einem altertümlichen Faltenrock, der fast bis zum Boden reichte. Darunter guckten nackte, knorrige Füsse hervor. Das ganze Weiblein erinnerte Gigi an eine uralte Bäuerin aus vergangener Zeit.
„Du bist aber ziemlich klein und ziemlich alt“, bemerkte sie.
„Oh…, vielen Dank fürs Kompliment.“ Gigi meinte, einen leichten rosa Schimmer übers Gesicht der kleinen Frau huschen zu sehen, darum schluckte sie die Bemerkung, die ihr auf der Zunge lag, das sei nicht als Kompliment gedacht, schnell wieder hinunter. „Wie alt bist du denn?“, fragte sie stattdessen.
„Ich habe hundertsiebenundachtzig Winter hinter mir!“, verkündete das Weiblein stolz.
„Nicht schlecht! Aber wieso bist du so klein? Bist du jedes Jahr kürzer geworden?“ Sie kicherte.
„Nein! Wo denkst du hin! Ich bin eine Wichtelin. Wir sind so klein.“
„Gigi!“, rief ihr Vater. „Hast du etwas Interessantes entdeckt?“
„Kommt schnell her!“, rief Gigi ihren Eltern zu. „Hier ist eine uralte Wichtelin!“
„Eine was?“, fragte die Mutter, als sie herantraten.
„Da, eine Wichtelin!“ Gigi zeigte auf das Weiblein.
„Ach nein!“, sagte der Vater etwas enttäuscht. „Das sind bloss Einbeeren. Die solltest du eigentlich kennen. Der ganze Wald ist voll davon.“
„Wie meinst du, Gigi, heissen die?“, fragte die Mutter nach.
„Nicht das Grünzeug! Hier dieses kleine, alte Weiblein!“, sagte Gigi energisch.
Die Wichtelin schüttelte traurig den Kopf. „Erwachsene Menschen können uns leider nicht sehen. Das vermögen nur die Kinder, und selbst die nicht alle.“
„Welches Weiblein?“, fragte die Mutter.
„Sie steht doch da! Warum könnt ihr sie nicht sehen?“
Der Vater lachte. „Das sind Einbeeren, Gabriela-Schatz! Ein Weiblein… Du hast eine blühende Fantasie!“
„Nenn mich nicht Gabriela! Und schon gar nicht Schatz!“, fauchte Gigi ihn an.
Noch heftiger lachend legte er ihr eine Hand auf die Schulter.
„Fass mich nicht an!“ Wütend stiess sie seine Hand weg.
„Ach komm, Gigi“, sagte ihre Mutter besänftigend. „Papa wollte dich nur aufziehen!“ Fröhlich hakte sie sich bei ihrem Mann ein und die beiden spazierten weiter. Gigi blickte ihnen böse nach.
„Pass auf, ich bin auch noch da!“, sagte das Weiblein. „Falls du wieder mit Tannzapfen werfen willst, dann bitte in die andere Richtung!“
„Danach wäre mir jetzt wirklich! Meine Eltern sind so… so…“
„…erwachsen“, beendete die kleine Frau den Satz.

Am Abend, Gigi lag bereits im Bett und wollte eben die Nachttischlampe ausknipsen, klopfte es ans Fenster. Gigi zuckte zusammen. Ängstlich stand sie auf, schlich zum Fenster und versuchte angestrengt, in der Dunkelheit vor dem Fensterbrett etwas zu erkennen.
Ungeduldig klopfte es ein zweites Mal, und da erkannte Gigi die Wichtelin, die sie durch Gesten bat, das Fenster zu öffnen. Kaum hatte Gigi das Fenster einen Spalt breit offen, sprang die Wichtelin erstaunlich behände ins Zimmer.
„Gemütlich hast du’s hier“, bemerkte sie, nachdem sie den ganzen Raum begutachtet hatte. „Das Bett ist gross genug für uns beide. Ich werde mich mit dem unteren Ende begnügen.“
„Was soll das?“, fauchte Gigi sie aufgebracht an. „Du wirst dich hier mit gar nichts begnügen! Das ist mein Bett! Geh zurück in den Wald und in dein eigenes Bett!“
„Das geht jetzt nicht mehr“, sagte die Wichtelin ernst. „Du willst von mir beschützt werden. Darum muss ich an deiner Seite bleiben.“
„Ich will von dir beschützt werden? Seit wann denn das?“
„Seit du mich angesprochen hast.“
„Moment! Du hast ja wohl eher mich angesprochen!“
„Das kommt auf dasselbe heraus. Auf jeden Fall werde ich dich jetzt beschützen!“
„Ich brauche keinen Schutz!“
„Irgendwann wirst du um mich froh sein, und dann bin ich für dich da!“
„Du bist viel zu klein und zu alt, um mich beschützen zu können!“
„Wart’s nur ab. Aber lass uns aufhören zu diskutieren. Ich bin müde. Schlaf gut!“ Ohne ein weiteres Wort hüpfte sie ins Bett und kuschelte sich unter die Decke.
Perplex stand Gigi da und wusste nicht, was sie dazu sagen sollte.
Es klopfte an der Tür und ihre Mutter rief: „Gigi, stell den CD-Player aus, es ist wirklich Zeit zum Schlafen. Gute Nacht mein Schatz!“
„Nacht!“ Gigi stand noch einen Augenblick vor dem Bett. Sollte sie die Wichtelin packen und aufs Fensterbrett stellen? Vom Bett her kamen friedliche Schnarchgeräusche.
„Ach was soll’s!“, dachte Gigi. „Das kann ich auch morgen noch tun.“ Sie schlüpfte ebenfalls unter die Decke und war kurz darauf eingeschlafen.

Gigi zog sich am nächsten Morgen gerade an, als die Wichtelin erwachte.
Genüsslich gähnend streckte diese sich und räkelte sich im Bett. „Einen schönen guten Morgen Gigi, hast du gut geschlafen?“
„Wie denn?“, brummte Gigi. „Ich musste ständig aufpassen, dass ich dich nicht zerdrücke.“ Das stimmte zwar nicht, sie fühlte sich sehr erfrischt, aber das wollte sie der Wichtelin nicht auf die Nase binden. „Da du mich diese Nacht beschützt hast, kannst du jetzt wieder gehen!“
Die Wichtelin schälte sich aus der Decke und sprang vom Bett. „Ich bleibe!“, sagte sie und strahlte Gigi an.
„Mach was du willst, aber komm mir nicht zu nah!“ Gigi packte ihre Schultasche und stürmte aus dem Zimmer die Treppe hinunter in die Küche.
Das Frühstück stand auf dem Tisch. Ihr Vater und ihr Bruder Stefan waren bereits gegangen. Die Mutter machte heisse Schokolade und brachte Gigi eine dampfende Tasse voll davon.
„Guten Morgen Gigi, gut geschlafen?“
„Hmm!“ Gigi setzte sich und schmierte Butter auf ein Brötchen. Mit einer Tasse Kaffee und der Zeitung setzte sich die Mutter zu ihr an den Tisch.
Auf dem Stuhl gegenüber schob sich ein kleines, verwittertes Gesichtchen über den Tischrand und guckte interessiert auf dem gedeckten Tisch herum.
„Was willst du hier?“, zischte Gigi.
„Was hast du gesagt?“, fragte die Mutter und blickte von der Zeitung hoch.
„Mir wäre jetzt nach einem grossen Schluck frischen, klaren Morgentauwassers. Hast du das?“
„Nein!“, fauchte Gigi. „Aber im Wald gibt es das in Hülle und Fülle. Tu dir keinen Zwang an und verschwinde endlich!“
„Gabriela!“, rief ihre Mutter entsetzt. „Wie redest du mit mir!“
„Entschuldige, Mami, ich rede mit der Wichtelfrau hier. Sie ist mir seit dem Spaziergang gefolgt, und sie nervt!“
„Du kannst mich gern Salfora nennen, wo wir doch jetzt be-freundet sind!“, sagte die Wichtelin.
Die Mutter runzelte die Stirn. Sie schaute sich verwundert in der ganzen Küche um. „Hier ist niemand außer dir und mir.“
Salfora kicherte, so wie nur alte Weiber kichern können, ein bisschen verrückt.
„Mami“, genervt deutete Gigi auf den Stuhl, auf dem die Wichtelin stand, „da ist sie doch!“
„Geht es dir nicht gut? Hast du Fieber?“ Besorgt legte die Mutter Gigi eine Hand auf die Stirn.
„Ach…!“ Gigi sprang wütend auf. Sie bückte sich nach ihrer Schultasche. Mit ein paar Schritten war sie bei der Haustüre und schlug diese energisch hinter sich zu. Die Mutter blieb verdattert allein am Tisch zurück.

 

Copyright by Karin Jörger-Egger, 2007

 

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